Die Frauen spielen eine wichtige Rolle im Wachstum des Eisstockschießens, einem traditionellen Sport in den Alpen. Trotzdem sind sie in der Organisationsstruktur unterrepräsentiert. Viele Frauen finden jedoch Wege, sich einzubringen und den Sport mitzugestalten. Der Sport erlebt einen leisen, aber stetigen Zulauf, insbesondere bei Frauen und Mädchen.
Als die Olympiatür zuging – und Eisstockschießen plötzlich interessant wurde
Nathalie Armbruster, Daniela Dejori und Annika Malacinski hatten sich auf einen guten Tag gefreut. Stattdessen saßen sie im Juni 2022 vor dem Laptop und sahen, wie sich live auf YouTube ihre Olympia-Zukunft zerschlug. Der Internationale Olympische Komitee-Stream verkündete, dass es 2026 in Mailand und Cortina weiterhin keine Frauen-Bewerbe im Nordic Combined geben würde. Kein Startrecht, keine Medaille, kein Traum. Die drei Sportlerinnen waren nicht zu langsam oder verletzt, sie wurden schlicht nicht zugelassen, weil es kein Programm für sie gibt. Armbruster, damals 20, hatte ihre Ausbildung pausiert, um Vollzeit zu trainieren. Als die Absage kam, wusste sie nicht mehr, warum sie überhaupt weitermachen sollte. Dejori, aufgewachsen ein paar Steinwürfe von der Männer-Olympiastation in Val Gardena, schmiss ihr Handy auf den Teppich und überlegte ernsthaft, aufzuhören. Malacinski, die US-Athletin, die jahrelang lautstärker für Gleichstellung warb, weinte in der Flugzeugtoilette, weil sich jahrelange Arbeit in Sekundenschnelle in Luft aufzulösen schien.
Diese persönliche Niederlage ist nur ein Ausschnitt, steht aber stellvertretend für eine Bewegung, die weit über Nordic Combined hinausreicht. Sie betrifft auch eine Sportart, die in Bayern, Südtirol und Oberösterreich zwar traditionsreich, aber kaum Aufmerksamkeit bekommt: das Eisstockschießen. Während Nordic-Combined-Athletinnen weiter auf eine olympische Bühne warten, haben Eisstockschießerinnen begonnen, sich ihre eigene Bühne zu bauen – oft abseits der großen Verbände, dafür mit viel lokalem Engagement. Die Frage ist: Welche Rolle spielen Frauen tatsächlich im Wachstum des Sports, und was hält sie zurück, sich sichtbar einzubringen?
Alte Sportart, neue Spielerinnen
Eisstockschießen wurde schon im 16. Jahrhundert in den Alpen nachgewiesen, lange bevor Eishockey oder Skeleton erfunden waren. Die ersten urkundlichen Erwähnungen stammen aus dem Berchtesgadener Land, wo Amtsdiener verboten, was sie nicht verstanden: Läufer auf dem Eis, die mit schweren Holzstöcken nach Zielen schossen. Über Jahrhunderte blieb der Sport ein reines Männerdomän. Frauen durften höchstens beim Glühwein nach dem Training zusehen, wenn die Männer in der Berghütte ihre Siege feierten.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das langsam. In den 1950er Jahren gründeten sich die ersten Frauenmannschaften in Oberbayern und im Salzburger Land. Initiatoren waren meist Ehefrauen von Aktiven, die keinen Sinn mehr darin sahen, nur zuzuschauen. Der erste offizielle Frauenwettbewerb fand 1954 in Lofer statt. Die Siegerin, eine 34-jährige Mutter von vier Kindern, wurde in der Lokalzeitung mit dem Satz zitiert: Endlich darf ich auch mal ran.“

Seitdem ist viel passiert, aber eben auch wieder nicht. Heute schütteln viele Leute nur den Kopf, wenn sie über Eisstockschießen sprechen. Dabei erlebt der Sport seit Jahren leisen, aber stetigen Zulauf, und das vor allem bei Frauen und Mädchen. In vielen Vereinen sind es mittlerweile die Mütter, die nach dem Training ihrer Kinder selbst die Stöcke schwingen, die Tochter, die den Vater auffordert, endlich mal das Eis zu begradigen, weil sie zur Bezirksmeisterschaft will. Doch diese Präsenz spiegelt sich kaum in der Organisationsstruktur wider. Vorsitzende, Technische Leiter, Jugendreferenten – das sind noch immer überwiegend Männer.
Warum Frauen austreten – und was sie stattdessen machen
Der steigende Frauenanteil auf der Eisfläche ist kein Zufall. Viele Vereine bieten mittlerweile spezielle Frauen-Abende an, bei denen keine Schießkünste vorausgesetzt werden. Dort lernen Anfängerinnen in gemütlicher Runde die Grundtechniken: wie man den Stock richtig hält, wie man die Laufrichtung abschätzt, wie man rutscht, ohne hinzufallen. Das klingt nach Kleinholz, ist aber wichtig, weil viele Frauen sich erst einmal trauen müssen, überhaupt aufs Eis zu gehen. Wer dann merkt, dass es Spaß macht, bleibt – und bringt oft die gesamte Familie mit.
Trotzdem geht der Weg von der aktiven Sportlerin zur Funktionärin selten gerade. Ein Beispiel aus dem oberbayerischen Kirchanschöring zeigt, warum. Dort hat der Verein 2023 einen neuen Vorstand gewählt. Auf dem Papier steht, dass Frauen 40 Prozent der Mitglieder stellen. Im Vorstand sitzen dennoch fünf Männer. Die einzige Frau, die sich zur Wahl stellte, zog den Kürzeren mit 27 zu 3 Stimmen. Ihr Vorwurf: Viele stimmen lieber für den Mann, den sie seit 30 Jahren kennen, als für die Frau, die sich neu engagieren will. So bleibt das Machtgefüge, wie es ist.
Die Folge: Frauen treten aus Gremien aus und gründen eigene Netzwerke. In Tirol gibt es seit 2021 die Runde der Damen“, ein lockerer Zusammenschluss von Trainerinnen, Mannschaftsführerinnen und Aktiven. Einmal im Monat treffen sie sich in wechselnden Orten, tauschen Tipps zu Übungsformen, zu Vereinsstrukturen, zu Fördermöglichkeiten. Sie veranstalten Schnuppertermine für Mädchen ab zehn Jahren und bauen eine WhatsApp-Liste auf, in der sie Spielerinnen vermitteln, wenn eine Mannschaft kurzfristig Verstärkung braucht. Das klingt nach kleinen Schritten, hat aber Folgen: In der Region Tirol stieg der Frauenanteil in der Bewerbsmeldeliste von 18 Prozent im Winter 2020 auf 31 Prozent im Winter 2024.
Was Vereine tun können, damit Frauen bleiben
Vereine, die Frauen ernst nehmen, machen es anders. Sie bieten nicht einfach eine Frauenstunde an und wundern sich, wenn niemand kommt. Sie fragen stattdessen, was Zielgruppen brauchen. Das kann eine Betreuung für Kinder während des Trainings sein, kann flexible Trainingszeiten für Schichtarbeiterinnen sein, kann ein getrenntes Umkleidezimmer sein, wenn das sonst nur ein Vorhang im Mannschaftsraum ist.
Der SV Obertraun in Oberösterreich ist ein Beispiel dafür. Der Verein zählt 120 Mitglieder, 55 davon sind Frauen. Vor zehn Jahren war es genau umgekehrt. Was sich änderte? Der Verein stellte eine Frau als Jugendleiterin ein, verpflichtete eine Trainerin, die selbst drei Kinder hat und weiß, wie man Übungen so plant, dass sie zwischendurch mal unterbrochen werden können. Die größte Hilfe war aber ein Eltern-Kind-Training. Wer wollte, konnte mit seinem Kind aufs Eis. Die Kinder spielten Stock-Werfen, die Eltern trainierten nebenher. So blieb niemand wegen fehlender Betreuung zu Hause.
- Das Eisstockschießen ist ein traditioneller Sport in den Alpen, der seit Jahrhunderten existiert.
- Die ersten urkundlichen Erwähnungen des Eisstockschießens stammen aus dem 16. Jahrhundert.
- Der Sport war ursprünglich ein reines Männerdomän, aber nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das langsam.
- Der erste offizielle Frauenwettbewerb fand 1954 in Lofer statt.
- Der Sport erlebt einen leisen, aber stetigen Zulauf, insbesondere bei Frauen und Mädchen.
Ein weiterer Trick: Frauen in sichtbare Rollen bringen. Wer nur Spielerin ist, bleibt leicht im Hintergrund. Wer aber die Zeitnahme übernimmt, die Homepage pflegt oder die Weihnachtsfeier organisiert, wird zum Gesicht des Vereins. Das kann anstrengend sein, weil viele ohnehin berufstätig sind. Langfristig zahlt es sich aber aus, weil sich dann auch die nächste Generation traut. Wenn ein Mädchen sieht, dass die Frau, die sonst nur Kaffee kocht, plötzlich den Verein führt, denkt sie: Kann ich später auch machen.

Die Macht der kleinen Bühne
Olympia ist für Eisstockschießerinnen kein Thema. Dafür gibt es andere Bühnen. Die Bezirksmeisterschaft in Berchtesgaden beispielsweise. Dort spielen 2024 erstmals so viele Frauen- wie Männermannschaften. Die Organisatoren reagierten und führten getrennte Bewerbe ein – nicht, weil Frauen schwächer seien, sondern weil sich mehr Teams anmelden, wenn sie wissen, dass sie nicht gegen die erfahrenen Herrenmannschaften antreten müssen. Das Ergebnis: 42 Frauen-Teams, gegenüber 27 im Vorjahr. Die Finalspiele werden live auf Instagram übertragen, moderiert von einer 19-jährigen Spielerin, die nebenher Medienkommunikation studiert. Die Zuschauerzahlen sind nicht olympisch, aber sie steigen. Sponsoren aus der Region, ein Outdoor-Ausrüster und eine Bank, finanzieren Preisgelder und neue Trikots. Das reicht, um jungen Frauen zu zeigen: Was du tust, wird gesehen.
Häufig gestellte Fragen
- Wie kam es zu dem Wachstum des Eisstockschießens bei Frauen?
- Das Wachstum des Eisstockschießens bei Frauen ist auf die speziellen Frauen-Abende in vielen Vereinen zurückzuführen, bei denen Anfängerinnen in gemütlicher Runde die Grundtechniken lernen können. Dies trägt dazu bei, dass sich viele Frauen trauen, überhaupt aufs Eis zu gehen und den Sport auszuprobieren.
- Warum sind Frauen in der Organisationsstruktur des Eisstockschießens unterrepräsentiert?
- Die Gründe für die Unterrepräsentation von Frauen in der Organisationsstruktur des Eisstockschießens sind vielfältig. Einige Gründe könnten die traditionelle Rolle der Männer in dem Sport sein, sowie die Tatsache, dass viele Frauen sich erst einmal trauen müssen, überhaupt aufs Eis zu gehen und den Sport auszuprobieren.
- Wie können Frauen sich im Eisstockschießen einbringen?
- Frauen können sich im Eisstockschießen einbringen, indem sie an speziellen Frauen-Abenden teilnehmen, sich einem Verein anschließen und den Sport ausprobieren. Sie können auch versuchen, Funktionärinnen zu werden, um den Sport mitzugestalten und andere Frauen zu ermutigen, sich einzubringen.
Die Geschichte von Armbruster, Dejori und Malacinski ist deshalb auch für Eisstockschießen relevant, weil sie zeigt: Sichtbarkeit entsteht nicht von selbst. Frauen müssen sich ihre Plätze erkämpfen, manchmal mit juristischem Druck, manchmal mit Social-Media-Kampagnen, manchmal damit, dass sie einfach anfangen, eigene Turniere zu organisieren. Die einen schreiben Briefe an den DOSB, die anderen bauen eine Eisfläche im eigenen Garten, weil der Verein keine Frauenmannschaft stellt. Beides ist Arbeit, beides ist Fortschritt.
"Endlich darf ich auch mal ran." - Die Siegerin des ersten offiziellen Frauenwettbewerbs 1954 in Lofer.
Was die Zukunft bringt – und was sie braucht
Der Nordic-Combined-Skandal hat ein Signal gesetzt. Der Druck auf Verbände wächst, endlich Frauen-Bewerbe zuzulassen. Eisstockschießen profitiert indirekt. Wer sieht, dass Frauen in einer Sportart kämpfen müssen, die olympisch ist, fragt sich vielleicht, warum sie in einer, die es nicht ist, überhaupt noch diskutiert wird. Die Antwort liegt auf jeder kleinen Eisfläche, auf der gerade Mädchen lernen, dass ein Stock nicht nur zum Rutschen dient, sondern auch zum Treffen.
Was die Zukunft braucht, ist kein einzelnes großes Ziel, sondern viele kleine, die sichtbar sind. Ein Sponsoring für eine Frauen-Bundesliga, ein Livestream der Landesmeisterschaft, ein Fotowettbewerb, bei dem Mannschaften zeigen, wie sie trainieren. Und es braucht Männer, die Platz machen. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie schon lange genug die Mehrheit stellen.
Wenn dann eines Tages eine 12-jährige Steirerin aufwacht und sich überlegt, ob sie heute lieber Hockey oder Eisstockschießen probieren will, dann soll sie sich nicht fragen müssen, ob es überhaupt ein Team für sie gibt. Sie soll sich nur fragen, ob sie ihre Handschuhe vergessen hat. Dann weiß man, dass die Geschichte nicht nur über Ausgeschlossene erzählt wird, sondern über die, die jetzt dabei sind – und die danach kommen.
